Warum trennen sich Frauen häufiger?

Eine Metastudie räumt mit Klischees auf

Am sonntäglichen Frühstückstisch fiel mir dieser spannende Artikel auf, den ich gerne mit euch teilen möchte. In meiner paar- und sexualtherapeutischen Praxis erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich Männer und Frauen Beziehungen und Trennungen erleben. Die eine Seite leidet still, die andere geht proaktiv weiter – doch warum ist das so? Eine aktuelle Metastudie gibt darauf überraschende Antworten.

Die Sozialpsychologin Iris Wahring von der Humboldt-Universität zu Berlin hat gemeinsam mit einem Forschungsteam 50 Studien zu Beziehungen und Trennungen ausgewertet – mit Ergebnissen, die viele gängige Annahmen infrage stellen.

„Männer sehnen sich stärker nach einer Beziehung“

Einer der wichtigsten Befunde der Studie: Männer sind es, die sich stärker nach einer Beziehung sehnen – nicht Frauen.

„Männer verlieben sich schneller, sie gestehen ihre Liebe häufiger zuerst und hängen nach einer Trennung oft stärker an ihrer Ex-Partnerin“, sagt Wahring im Gespräch.

Meine Erfahrung bestätigt das. Frauen kommen nach einer Trennung häufig mit dem Wunsch, das Erlebte zu verarbeiten, sich selbst besser kennenzulernen und ihre Zukunft bewusster zu gestalten. Männer hingegen suchen oft nach Wegen, die Ex zurückzugewinnen – oder stürzen sich schnell in die nächste Beziehung, um das Loch zu füllen.

Zudem profitieren Männer gesundheitlich stärker von einer Beziehung als Frauen. „Sie sind in einer Partnerschaft psychisch und physisch gesünder. Ihre Entzündungsmarker im Blut sind niedriger, der Blutdruck seltener hoch, und sie neigen weniger zu depressiven Symptomen.“

Frauen zeigen diese Effekte zwar auch, doch sie sind weniger ausgeprägt. „Statistisch gesehen sind Frauen das unabhängigere Geschlecht“, so Wahring.

Warum trennen sich Frauen häufiger?

Trotz der Vorteile für Männer gehen 60 bis 70 Prozent aller Trennungen von Frauen aus. Doch warum?

„Frauen sind im Durchschnitt seltener auf eine Beziehung angewiesen, um emotionale Unterstützung zu bekommen. Sie haben oft ein größeres soziales Netzwerk, sprechen mehr mit Freundinnen oder der Familie über Probleme. Männer hingegen sehen ihre Partnerin häufig als ihre zentrale emotionale Ressource“, erklärt Wahring.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die sich nach zehn Jahren Ehe trennte. Sie hatte sich emotional immer einsamer gefühlt, während ihr Mann die Beziehung als stabil und selbstverständlich empfand. Während sie nach der Trennung auf ein starkes Netzwerk aus Freundinnen und Familie zurückgreifen konnte, fiel er in ein tiefes Loch – weil sie die Einzige war, mit der er je über seine Gefühle gesprochen hatte.

Ein weiterer Faktor könnte in der klassischen Rollenverteilung liegen: „Frauen übernehmen auch heute noch oft den Großteil der Haushaltsaufgaben. Das kann zu mehr Stress führen – während Männer in heterosexuellen Beziehungen tendenziell mehr Freizeit haben.“

„Männer leiden stärker unter einer Trennung“

Wenn eine Beziehung endet, trifft das Männer häufig härter als Frauen. „Männer haben seltener das Gefühl, aus einer Trennung etwas gelernt zu haben. Sie fühlen weniger Erleichterung und wünschen sich oft schneller eine neue Beziehung, um den Schmerz zu verarbeiten“, sagt Wahring.

Viele Männer greifen zudem auf ungesunde Bewältigungsstrategien zurück. „Sie nutzen häufiger Alkohol oder Drogen, um mit einer Trennung fertigzuwerden. Auch das Suizidrisiko steigt nach einer Trennung stärker als bei Frauen.“

Diese Unterschiede sehe ich oft in meiner Praxis. Während Frauen sich nach einer Trennung bewusst Zeit nehmen, um sich selbst neu zu entdecken, betäuben Männer ihren Schmerz häufiger – sei es durch Ablenkung, schnellen Sex oder Alkohol. Ein Mann, der zu mir kam, erzählte, dass er nach dem Ende einer langen Beziehung jede Nacht feiern ging, um bloß nicht allein zu sein. Erst Monate später, als sich seine Schlafprobleme und Ängste verstärkten, merkte er, dass er die Trennung nie wirklich verarbeitet hatte.

Frauen hingegen holen sich nach einer Trennung eher Unterstützung in ihrem Umfeld. „Sie sprechen offener über ihre Gefühle, was nachweislich hilft, emotionalen Schmerz zu verarbeiten.“

Ein Umdenken ist nötig – aber es gibt Veränderungen

Die Ergebnisse der Studie widersprechen vielen gängigen Stereotypen. „Es gibt immer noch die gesellschaftliche Erwartung, dass Männer stark sein und sich nicht verletzlich zeigen sollen“, sagt Wahring. Das könnte erklären, warum Männer Trennungen oft weniger gut verarbeiten.

Besonders überraschend: Die traditionellen Geschlechterrollen scheinen sich in den letzten Jahrzehnten nicht abzuschwächen – im Gegenteil. „Frauen wird heute oft sogar noch stärker zugeschrieben, fürsorglich und emotional zu sein als in den 1950er-Jahren“, erklärt Wahring.

Allerdings zeigt sich in meiner Praxis ein Wandel – vor allem bei jüngeren Paaren. Ich begleite immer mehr Beziehungen, in denen Geschlechterrollen weniger traditionell gelebt werden. Junge Männer sind emotional offener, pflegen enge Freundschaften und setzen sich bewusster mit ihren Gefühlen auseinander. Frauen wiederum trennen sich nicht unbedingt häufiger, sondern reflektieren frühzeitiger, was sie von einer Partnerschaft erwarten – und sprechen Probleme direkter an.

Auch Wahring sieht diesen Trend: „Es gibt immer mehr Paare, die ihre Beziehung gleichberechtigter gestalten und in denen Männer nicht allein auf ihre Partnerin als emotionale Stütze angewiesen sind.“

Fazit: Anders als die Klischees zu Trennungen

Die Studie zeigt: Männer profitieren mehr von einer Beziehung – und leiden stärker unter einer Trennung. Frauen hingegen sind tendenziell emotional unabhängiger und haben es leichter, sich nach dem Ende einer Beziehung wieder zu stabilisieren.

Doch Wahring betont: „Diese Effekte sind durchschnittlich – natürlich gibt es viele Männer, die offen über ihre Gefühle sprechen, und viele Frauen, die sehr unter einer Trennung leiden.“

Meine Erfahrung zeigt, dass der Umgang mit einer Trennung nicht nur vom Geschlecht abhängt, sondern auch von der persönlichen Geschichte, emotionalen Ressourcen und erlernten Bewältigungsstrategien. Besonders bei jüngeren Generationen lösen sich traditionelle Muster zunehmend auf – das lässt hoffen.

Aber eines steht fest: Je mehr wir zulassen, dass auch Männer Gefühle zeigen dürfen, desto besser werden sie mit Trennungen umgehen können – und desto gesünder werden Beziehungen insgesamt.

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