Warum neurodiverse Menschen häufiger bewertet als verstanden werden
Eine möglicherweise unangemessen engagierte Propagandaschrift eines ADHS-Lobbyisten
Zwei Geschichten über Unterschiede
Szene 1
Zwei Menschen ziehen zusammen. Umzugskartons, Lampenanleitungen, Diskussionen über Zimmerpflanzen. Man lebt sich ein.
Eine Person ist durchschnittlich groß, die andere misst 1,60 Meter.
Ein paar Wochen später wirkt der größere Mensch zunehmend genervt.
„Nie kommst du an die oberen Schränke.“
„Immer muss ich dir helfen, wenn etwas zu hoch ist.“
„Kannst du nicht einfach größere Schritte machen?“
„Ganz ehrlich – manchmal ist das echt anstrengend.“
Der Freundeskreis bekommt davon mit. Es folgen Stirnrunzeln – und ziemlich wahrscheinlich der Hinweis, dass hier vielleicht nicht die Körpergröße das eigentliche Problem ist.
Szene 2
Zwei Menschen ziehen zusammen. Umzugskartons, Lampenanleitungen, Diskussionen über Zimmerpflanzen. Man lebt sich ein.
Beide sind ungefähr gleich groß.
Einer erzählt einer ehemaligen Mitbewohnerin vom Zusammenziehen.
Sie hebt eine Augenbraue.
„Echt? Du willst mit diesem Menschen zusammenziehen? Na dann viel Spaß. Chaos, Unordnung und Drama sind vorprogrammiert.“
Ein paar Wochen später wirkt einer der beiden zunehmend genervt.
„Immer vergisst du Dinge.“
„Du machst ständig Chaos.“
„Du bist viel zu emotional.“
„Du bist dauernd zu spät.“
„Du reagierst mal wieder völlig über.“
Wenn Unterschiede unterschiedlich bewertet werden
Bis hierhin sind es zwei ziemlich ähnliche Geschichten: zwei Paare, zwei Wohnungen, zwei Menschen, die unterschiedlich sind und sich daran reiben.
Im ersten Paar bekommt die kleinere Person Rückendeckung. Die Irritation richtet sich gegen denjenigen, der aus der Körpergröße ein Problem macht.
Im zweiten Paar passiert das Gegenteil. Die Vorwürfe wirken plausibel, fast selbstverständlich. Das Stirnrunzeln bleibt aus – oder richtet sich gegen die Person, die kritisiert wird.
Viele Menschen mit ADHS kennen genau dieses Gefühl. Sichtbare Unterschiede lösen meistens praktische Lösungen aus. Unsichtbare Unterschiede lösen erstaunlich oft Bewertungen aus oder Ratschläge, nach denen niemand gefragt hat.
Eine Klientin erzählte mir einmal von einem Gespräch mit einer Freundin. Die Freundin meinte, sie solle sich Dinge nicht immer so zu Herzen nehmen. Ihre Antwort kam sofort:
„ich kann dir auch sagen, du sollst auch nicht immer so atmen.“
Übertrieben? Vielleicht.
Unpassend? Eher nicht.
Solche Situationen zeigen, wie schnell neurotypische Menschen davon ausgehen, zu wissen, wie sich etwas für andere anfühlt. Statt zu fragen, wird erklärt. Statt zuzuhören, wird optimiert. Und irgendwo dazwischen landen dann Ratschläge, die sich schlau anhören – aber selten weiterhelfen.
Wenn ADHS nicht nur erklärt, sondern belastet
Zugegeben:
ADHS kann Beziehungen anstrengend machen. Unpünktlichkeit kann verletzen. Vergesslichkeit kann Vertrauen strapazieren. Impulsivität kann Gespräche eskalieren lassen. Emotionen können Nähe intensiv machen – und gleichzeitig überfordern.
Viele Menschen mit ADHS erleben, dass sie nicht nur mit ihren eigenen Baustellen umgehen müssen, sondern zusätzlich mit Erwartungen, die erstaunlich stabil bleiben. Während man bei sichtbaren Einschränkungen meist sofort über Anpassungen nachdenkt, landet ADHS schnell in der Kategorie: „Dann musst du dich halt mehr zusammenreißen.“
Viele Menschen mit ADHS leiden darunter, andere zu enttäuschen. Viele Partner:innen leiden darunter, sich nicht verlassen zu können. Beides stimmt. Beides passiert gleichzeitig.
In Beziehungen mit ADHS geht es deshalb selten um Schuld. Meist geht es darum, wie viel Belastung zwei Menschen gemeinsam tragen können.
Der unsichtbare Arbeitsaufwand
Viele Menschen mit ADHS investieren enorme Energie darin, ihren Alltag irgendwie sortiert zu halten. Termine müssen aktiv erinnert werden, Ablenkungen abgefangen, Routinen immer wieder neu gebaut.
Trotzdem läuft Alltag selten reibungslos. ADHS lässt sich nicht wegorganisieren.
Während Außenstehende Chaos sehen, läuft innen Dauerbetrieb: Reize filtern, Prioritäten sortieren, Emotionen einfangen. Häufig begleitet von Overthinking – Gespräche werden noch einmal durchgespielt, Szenarien vorweggenommen, Entscheidungen zigfach geprüft.
Viele Menschen mit ADHS bringen Struktur in ein Chaos, das andere nie erleben müssen – und stoßen trotzdem ständig an Anforderungen, die für andere selbstverständlich wirken. Genau darin liegt eines der größten Missverständnisse: Die Anstrengung ist unsichtbar. Die Folgen nicht.
Ein anderer Moment zeigt diese Widersprüchlichkeit besonders gut.
Auf einer Party ist einer der beiden Mittelpunkt des Abends. Gespräche laufen, Menschen bleiben hängen, Geschichten entstehen. Von außen wirkt das charismatisch.
Für den Partner kann es gleichzeitig beeindruckend und unangenehm sein – zu laut, zu intensiv, zu viel Bühne.
Am nächsten Tag ist davon oft nichts mehr übrig. Der Kopf rauscht noch, Reize hängen nach, eine Verabredung muss abgesagt werden.
Von außen wirkt das widersprüchlich. Für viele Paare ist genau dieser Wechsel Alltag.
Die andere Seite derselben Dynamik
Zur Wahrheit gehört aber auch: Genau diese Dynamik bringt Dinge mit, die Beziehungen lebendig machen können.
Kreativität, Spontanität, Begeisterungsfähigkeit, Genussfreude, intensive Wahrnehmung, tiefe Gefühle und eine oft ziemlich direkte Ehrlichkeit gehören für viele Menschen mit ADHS ebenfalls zum Paket.
Diese Eigenschaften werden gern bewundert – solange sie originell und angenehm wirken. Sobald sie anstrengend werden, kippt die Bewertung oft schnell. Was eben noch als lebendig galt, heißt plötzlich „zu viel“.
Viele Eigenschaften, die Beziehungen kompliziert machen können, sind oft dieselben, die sie besonders intensiv wirken lassen.
Warum ADHS schwerer einzuordnen ist als Körpergröße
Körpergröße sieht man. ADHS nicht. Körpergröße erklärt sich selbst. ADHS meistens erst dann, wenn etwas schiefgelaufen ist.
Körpergröße bleibt konstant. Kleine Menschen bleiben klein. Der Alltag kann sich darauf einstellen. Man baut Trittleitern, hängt Schränke tiefer, sortiert Dinge anders. Niemand erwartet ernsthaft, dass jemand wächst, nur damit Zusammenleben einfacher wird.
ADHS dagegen ist beweglich. Was heute funktioniert, kann morgen überfordern. Das Chaos in der Küche kann egal sein – aber die Kissen auf dem Sofa müssen exakt symmetrisch liegen. Eine Weihnachtsfeier kann sozialer Extremsport sein, eine durchtanzte Nacht dagegen problemlos.
Die Spülmaschine bleibt unausgeräumt, das Geschirr stapelt sich darauf – stattdessen wurde nachts stundenlang über Formulierungen für einen Blogartikel über Neurodiversität und Beziehungsgedöns gebrütet.
Mit einem Menschen mit ADHS zu leben kann anstrengend sein. Gespräche mit jemandem zu führen, der gedanklich abschweift, braucht Geduld. Verabredungen zu planen, die regelmäßig am Zeitgefühl scheitern, braucht Gelassenheit. Gerade weil ADHS so unterschiedlich sichtbar wird, entsteht schnell der Eindruck, Verhalten ließe sich einfach durch Willenskraft ändern. Meist stimmt das nicht.
Was Beziehungen wirklich verhandeln
Im Alltag lösen wir Probleme, die sichtbar sind. Wir bauen Trittleitern. Wir hängen Schränke um. Wir verändern Räume.
Wenn ADHS Teil einer Beziehung ist, verschiebt sich diese Logik. Dann geht es weniger um Möbel – und mehr darum, wie zwei Menschen mit Unterschiedlichkeit umgehen, ohne sich gegenseitig ständig reparieren zu wollen.
Ich lebe mit einem Menschen zusammen, der meine spontanen Realitätsverschiebungen erstaunlich gelassen nimmt – oft den Kopf über mich schüttelt und mir trotzdem das Gefühl vermittelt, irgendwie ganz normal zu sein. – Dafür bin ich sehr dankbar.
Aber das ist leider nicht immer der Fall und was die Machtverhältnisse in vielen neurodiersen Beziehungen verschiebt: Die „Moral“ liegt in vielen Partnerschaften erstaunlich zuverlässig auf Seiten der nicht-ADHS-Partner:innen. Pünktlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Contenance, Zurückhaltung oder Reinlichkeit gelten (vor allem im deutschsprachigen Raum) nicht nur als Tugenden – sondern oft als Beweis dafür, sein Leben im Griff zu haben.
Wer diese Erwartungen erfüllt, muss sich selten erklären. Wer daran stößt, dagegen sehr schnell.
Für kleine Menschen haben wir Trittleitern.
Für neurodiverse Menschen Erwartungen – und viele gut gemeinte Ratschläge.
Mit meinem ADHS-Kurs „Selbstmanagement für Menschen mit Chaos im Kopf“ finden Sie Wege, innere Prozesse verständlicher zu machen und einen Weg zu mehr Stabilität zu finden. Alle Informationen zu meinem ADHS-Kurs in Essen finden Sie hier.